Von Joseph Haydn möchte ich Ihnen auf diesen drei CDs erzählen und Ihnen seine wunderbare Musik näher bringen. Haydn lebte von den Großen der Wiener Klassik am längsten – Mozart starb schon mit fünfunddreißig, Beethoven mit sechsundfünfzig Jahren, Haydn wurde siebenundsiebzig.

Während seines langen Lebens war er Zeitzeuge weitreichender Veränderungen. Geboren im Abendrot des Barock, erlebte er Rokoko und Klassizismus, Rationalismus, Aufklärung und Empfindsamkeit, den Absolutismus und seinen Niedergang, Fürstendienst und freies Künstlertum, Revolution, Kriege und Reaktion. In seiner Epoche herrschten fünf Kaiser. Ohne den Blick auf die Zeitläufe wäre der Versuch einer Lebensbeschreibung Haydns unvollständig. Der katholische Kaiser in Wien ist für das 18.Jahrhundert sowohl Abbild als auch Stellvertreter und Partner Gottes auf Erden. Er bildet in der Vorstellung seiner Untertanen die glänzende Spitze der Staatspyramide. Als absolutistischer Herrscher verkörpert er die Monarchie durch das Gottesgnadentum seines fürstlichen Ursprungs. Der Regent erscheint unsterblich und ewig dauernd sein Reich. Die Staatsidee triumphiert noch im Tod. Stirbt der Monarch, verkünden Posaunen: Der König ist tot. Aber gleichzeitig: Lang lebe der König!

Der Wiener Hofstaat mit über 2000 Personen repräsentiert Größe, Ansehen und Würde des Hauses Habsburg. Die Krone bindet Adel und Klerus an den Hof und regelt ihre Ränge und Rechte. Chargen, Würden und Titel bestimmen Nähe und Abstand zum Thron. Musik und Feste,Theater und Architektur dienen der Darstellung dieser Ordnung und weisen die Höflinge in ihre Schranken. Im krassen Gegensatz zum politischen Willen, den weltlichen Machthaber als glänzendes Abbild himmlischer Majestät zu inszenieren, erscheinen die verblichenen Gestalten einzelner Regenten vor den Augen des nachgeborenen Betrachters blass. Patinierte Herrscherpose und karge Charakterkontur, bekleckert vom Taubenkot menschlich-allzu-menschlicher Schwächen.

Der Lebenslauf Kaiser Karls VI. liefert dafür Anschauungsmaterial. Er erblickte 1685, im Geburtsjahr Johann Sebastian Bachs, das Licht der Welt und starb 1740. Im selben Jahr, in dem Joseph Haydn nach Wien kam. Mit 26 Jahren wurde Karl unverhofft Thronfolger seines begabten, aber verderbten Bruders. Kaiser Joseph I. war einer Pockenepidemie erlegen. Er hatte sich in zahllos-wahllosen Liebesaffären mit Syphilis infiziert und seine Gemahlin unfruchtbar gemacht. Das hatte Folgen. Joseph hinterließ keinen männlichen Erben, ebenso wenig sein Bruder Karl, dessen Frau nur Töchter zur Welt brachte. Karls Hauptsorge galt daher der Weiber-Succession, wie er das nannte. Kardinalziel seiner Politik blieb, durch die Pragmatische Sanktion die Thronfolge seiner Tochter Maria Theresia zu sichern und mit ihr den Zusammenhalt der habsburgischen Länder.

Karl VI. erschien den Zeitgenossen als seelenlose Verkörperung der kaiserlichen Autorität. Eingepfercht ins spanische Hofzeremoniell, korsettiert von Habsburger Hochmut, posierend vor steifen Roben und gepuderten Perücken, suchte sein schwerfälliges Temperament konzeptionslos und entschlussschwach Hilfe bei wechselnden Ratgebern. Seine Regierung war für Österreich eine Zeit verpasster Chancen. Das Regierungsgeschäft erachtete Karl als lästige Pflicht. Er suchte Zerstreuung bei höfischen Theateraufführungen, Maskeraden und beim Tanz. Sein Hauptinteresse galt der Jagd, den Jägerburschen und der Musik.

Die Geschichtsbücher verschweigen, dass Karl VI. homosexuell veranlagt war. Sein Favorit hieß Michael Graf Althan. Dieses Verhältnis kaschierte der Kaiser durch wahllose Madln-Affären. Nach Althans Tod schwärmte er für einen Jägerburschen, vernachlässigte die Regierungsgeschäfte und entfremdete sich seiner Familie. Öffentlich gab sich Karl seiner schönen Gemahlin Elisabeth Christina gegenüber als aufmerksamer besorgter Ehegatte, privat wandte er ihr keine Gefühle zu. Zum Entsetzen der Kaiserin und des Hofes bedachte er testamentarisch seinen Jägerburschen mit 200.000 Gulden (nach heutiger Kaufkraft circa 5 MillionenEuro).

Ebenso viel kostete dem musikversessenen Monarchen in zwölf Jahren seine Hofkapelle mit ihren 80 bis 100 Musikern. An ihrer Spitze prangte als Stern der wohledel-gestrenge HofkapellmeisterJohann Josef Fux. Dieser wiederauferstandene Palestrina, wie er genannt wurde, gilt als größter Komponist des österreichischen Barock und starb ebenfalls in dem Jahr, in dem Haydn nach Wien kam.

Mit Karls Tod war das Haus Habsburg im Mannesstamm erloschen. Unvorbereitet übernahm die 23-jährige Maria Theresia die neue Regierung. Sie sah ihre erste Aufgabe als Frau in der Sicherung der männlichen Erbfolge. Vier Monate zuvor hatte sie ihre dreijährige Erstgeborene verloren, zu Beginn des Jahres ihre dritte Tochter geboren und nun war sie wieder schwanger im fünften Monat. Wenige Stunden nach dem Ableben ihres Vaters empfing sie schwarz gewandet den Ministerrat im Thronsaal. Hofkanzler Sinzendorf verkündete, oberste Aufgabe sei es nun, dem Hause Habsburg die Krone des Reiches zu sichern.

Die teuer erkaufte Anerkennung der Pragmatischen Sanktion erwies sich indessen als wertlos. Und so ereiferte sich das Wiener Amtsblatt: Das weibliche Erbfolgerecht wird unanständigerweise, grundlos und irrig vom bayerischen Kurfürsten untergraben. Denn Bayern erhob Anspruch auf die Erbfolge in Österreich. Frankreich bot zwar Unterstützung, aber Friedrich der Große marschierte Mitte Dezember 1740 in Schlesien ein. Schwere Erschütterungen standen den österreichischen Erblanden bevor. Im folgenden Jahrzehnt befand sich Wien mit wechselnden Fronten beständig im Krieg.